Elfen im Zeugenschutz? Was Thriller-Autoren von High-Fantasy-Epen lernen können

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Ich gestehe es ungern, aber auf meinem Schreibtisch liegt neben den Recherchen zu ballistischen Mustern und den Organigrammen der italienischen Mafia erstaunlich oft eine Karte von Mittelerde oder den Sieben Königslanden. Warum? Weil Fantasy-Autoren eine Sache beherrschen wie niemand sonst: Sie erschaffen Welten, die sich anfühlen, als würden sie schon seit tausend Jahren existieren, bevor die erste Seite überhaupt beginnt.

Wenn wir an Thriller denken, haben wir oft das klassische Duell vor Augen. Ermittler gegen Mörder. Gut gegen Böse. Das reicht für eine schnelle, packende Geschichte. Wenn man aber eine ganze Serie wie die um Jonas Keller plant, stößt man mit diesem simplen Schema schnell an Grenzen. Die Welt im Hintergrund muss atmen. Und genau hier kommt das High-Fantasy-Strukturen-Modell ins Spiel: Das Fraktions-Building.

Das Problem mit den Pappkameraden: Wenn das Kartell kein Gesicht hat

Jeder von uns hat schon Thriller gelesen, in denen „die Mafia“ oder „das Kartell“ als der große, gesichtslose Antagonist auftritt. Sie tragen dunkle Anzüge, fahren schwarze SUVs und schießen schlecht. Sie sind reine Plot-Werkzeuge – Pappkameraden, die nur existieren, damit der Held etwas zum Abschießen hat.

Auch diese Pappkameraden gibt es in meinem aktuellen Manuskript. Ganz ohne, kommt ein Thriller wohl auch nicht aus – jedenfalls habe ich beim schreiben dieses Artikels gelernt, dass ich in Zukunft an das Thema „Organisation“ im Kontext der Kriminalität ein wenig anders herangehen werde.

In der High Fantasy ist das undenkbar. Da ist eine Fraktion nicht einfach nur „böse“. Sie hat eine Kultur, eine Sprache, interne Konflikte und eine eigene Philosophie. Ein mexikanisches Drogenkartell, eine New Yorker Mafia-Familie oder das Dezernat für organisierte Kriminalität beim LKA funktionieren nach genau denselben Prinzipien wie die Häuser in Game of Thrones. Sie sind Königreiche in der Moderne.

Die drei Säulen des Fraktions-Buildings

Wenn ich eine neue Organisation für meine Romane entwerfe, nutze ich drei Kernfragen, die direkt aus der Fantasy-Werkstatt stammen:

  • Die Kultur (Das Dogma): Was hält die Gruppe im Inneren zusammen? Bei Orks mag es die Angst vor dem dunklen Herrscher sein. Bei einem Kartell ist es oft eine Perversion von familiärer Loyalität und religiösem Kult (wie der Glaube an Santa Muerte). Es geht nie nur um Geld, es geht um Identität.
  • Die Hierarchie (Das Lehnswesen): Wer reportet an wen – und wer will wen stürzen? Ein Mafiaboss ist im Grunde ein Lehnsherr. Seine Capos sind die Barone, die ihre eigenen Ländereien (Reviere) verwalten und Abgaben nach oben zahlen. Wo es Hierarchien gibt, gibt es Ehrgeizlinge, die am Stuhl des Königs sägen. Das ist purer Plot-Treibstoff.
  • Die Historie (Alte Rechnungen): Warum hassen sie die Konkurrenz? Fraktionen entstehen nicht im Vakuum. Sie haben eine Geschichte. Der aktuelle Krieg zwischen zwei Syndikaten entbrennt selten wegen der aktuellen Lieferung – der wahre Grund liegt oft zehn Jahre zurück, begraben in einem ungesühnten Verrat.

Wenn das Dezernat zur Gilde wird

Der größte Spaß beginnt, wenn man diese Strukturen auf die „guten Jungs“ anwendet. Die Polizei, das FBI oder das BKA sind in der Realität selten ein harmonisches Team. Es sind Behörden mit internen Grabenkämpfen.

Betrachtet man das Frankfurter LKA wie eine Magiergilde oder einen Ritterorden, verändere ich den Fokus: Wer kämpft um das Budget (die Ressourcen)? Welche Abteilung neidet der anderen den Erfolg? Wenn Jonas Keller zwischen die Fronten gerät, ist die Gefahr durch die eigenen Kollegen oft genauso groß wie die durch die Gangster auf der Straße. Denn auch Behörden neigen dazu, ihre eigenen Pfründe zu verteidigen – genau wie die Wächter der Nacht an der Mauer.

Das unsichtbare Netz, das die Geschichte trägt

Am Ende des Tages merkt der Leser vielleicht gar nicht, dass ich mir für eine Motorrad-Gang eine komplette Thronfolge und ein eigenes Rechtssystem überlegt habe. Aber er spürt es. Er spürt, dass diese Welt Tiefe hat, dass Entscheidungen Konsequenzen nach sich ziehen und dass das Universum, in dem sich meine Figuren bewegen, auch dann weiterlebt, wenn das Buch zugeschlagen wird.

Wenn ihr das nächste Mal einen Thriller lest oder selbst an einem Plot feilt, schaut mal durch die Fantasy-Brille auf die Straßengangs und Ermittlerteams. Die Rüstungen sind vielleicht aus Kevlar statt aus Mithril, und die Reitpferde haben 400 PS – aber die Gesetze der Macht bleiben immer dieselben.

Euer Janus

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