Jonas sucht nach Echtheit. Michaela hat sich gegen Echtheit gewappnet.
Elias ist der Einzige von den dreien, der einfach er selbst ist — und der sich dabei am wenigsten sicher ist, wer das eigentlich ist.
Wie er auftaucht
Ich hatte nicht geplant, dass Elias körperlich beeinträchtigt ist.
Er taucht auf, Jonas fragt, warum er den rechten Fuß nachzieht — und ich wusste die Antwort nicht. Ich hatte den Satz geschrieben, ohne zu wissen, wo er hinführt. Erst später kam die Geschichte: Prag, 2018, ein Schuss aus dem zweiten Stock, ein Hinterhof, ein Bein, das nicht mehr richtig heilen wollte.
Das ist das Merkwürdige beim Schreiben. Manchmal weiß die Figur schon, was passiert ist. Du merkst es nur später.
Wer er ist
Elias Novak, Codename Cipher. Kryptograf, Hacker, Freelancer beim BND — nicht weil er das so wollte, sondern weil die Alternative ein tschechisches Gefängnis war. Er hat die falschen Server angezapft, der BND hat ihn erwischt, und vor die Wahl gestellt, hat er sich für den Deal entschieden. Er bereut es nicht, nicht wirklich. Aber er weiß, dass er nie die freie Wahl hatte.
In Netzwerken fühlt er sich wohler als in Gesprächen. Die Welt in Codezeilen ist berechenbarer als die Welt in Menschen.
Zwei Dinge fallen an ihm sofort auf: das Hinken und der Schal. Das Hinken kommentiert er nie. Den Schal trägt er immer, auch im Sommer, auch in Bergamo im August. Der Schal ist keine Modeentscheidung. Es ist eine Geschichte, die er nicht erzählt. Was darunter ist, gehört ins Buch.
Was ihn unersetzlich macht
Elias ist das Gewissen, das das Team sich nicht leisten kann, aber dringend braucht.
Jonas versucht, moralisch zu bleiben. Michaela hat Moral als Luxus abgeschrieben. Elias sitzt dazwischen: Er hat genug gesehen, um zynisch zu sein. Aber nicht genug, um abzustumpfen.
Es gibt einen Moment, wenn Jonas und Michaela sich in operativen Details verlieren, in dem Elias eine Zeile aus einem entschlüsselten Dokument vorliest und fragt: „Habt ihr eigentlich gemerkt, dass das hier ein Schulhof ist?“
Er sagt es ohne Pathos, ohne Appell. Er spricht einfach aus, was die Daten zeigen — und hält das Schweigen danach aus. Das ist seine Rolle: nicht Kompass, nicht Therapeut, sondern die Person, die ausspricht, was alle anderen gerade aktiv nicht denken wollen.
Elias und Jonas
Es beginnt als Zweckbündnis.
Jonas ist der Erste, der Elias nicht nur als Werkzeug sieht. Der ihn nach seiner Meinung fragt. Der zuhört, auch wenn er die technischen Details nicht versteht. Elias erkennt darin etwas, das er selbst verloren hat: den Glauben, dass das, was sie tun, einen Unterschied macht.
Die Szene, die ihre Dynamik am besten zeigt: Jonas findet eine Akte, die ihn fast bricht. Er ist wütend, auf eine Art, die keinen Ausweg hat. Elias sagt nichts. Macht keine Witze, wechselt nicht das Thema. Er hält einfach still, bis es vorbei ist. Dann fragt er: „Willst du drüber reden?“ Und akzeptiert das Nein ohne Nachfrage.
Das ist ihre Freundschaft. Keine großen Gesten. Nur die Bereitschaft, die Stille des anderen auszuhalten.
Elias und Michaela
Elias fürchtet Michaela nicht. Nicht, weil er mutiger wäre als andere, sondern weil er ihre Schwachstelle kennt. Er war in Prag. Er weiß, was passiert ist. Er weiß, dass Michaela nicht unverwundbar ist, sondern nur sehr, sehr gut darin, die Risse zu verbergen.
Dieses Wissen schafft eine eigentümliche Dynamik: Respekt auf Distanz, kein falsches Vertrauen, aber auch keine Angst.
Und er ist der Einzige, der sie zum Lachen bringt. Nicht oft. Nicht geplant. In Bergamo, völlig erschöpft nach einer gescheiterten Observation, sagt er nur: „Wenigstens habt ihr gutes Wetter. In Prag schneit es.“
Es ist kein guter Witz. Aber sie lacht — kurz, trocken, fast widerwillig. Mehr hat nie jemand geschafft.
Was er weiß
Elias war in Prag, als alles auseinanderging. Er saß im Hinterhof, überwachte die Kameras, als die Schüsse fielen. Er hat gesehen, wer das Fenster im zweiten Stock geöffnet hat.
Er hat den Namen einmal vollständig gedacht. Und dann entschieden, ihn nie wieder zu denken — nicht aus Feigheit, sondern weil er wusste, dass ihn dieses Wissen das Leben kosten könnte.
Michaela weiß nicht, was Elias gesehen hat. Jonas weiß nicht, dass es etwas zu wissen gibt.
Das ist ein Problem, das sich nicht wird ignorieren lassen.
Warum ich Sorgen mache
Elias ist die Figur, bei der ich mich beim Schreiben am wenigsten anstrenge. Seine Stimme ist klar, sein Sarkasmus kommt von selbst, seine trockenen Kommentare im unpassendsten Moment passieren einfach, während ich schreibe.
Aber er macht mir Sorgen. Sein Körper ist angeschlagen. Seine Loyalität zum BND ist fragil. Und sein Wissen über Prag könnte ihn in Gefahr bringen, wenn er es zur falschen Zeit preisgibt.
Manchmal, wenn ich eine gefährliche Szene schreibe, denke ich: Bitte nicht Elias. Jeden anderen, aber nicht Elias.
Das Trio
In den letzten beiden Posts habe ich Jonas und Michaela einzeln vorgestellt. Was ich dabei gemerkt habe: Beide ergeben mehr Sinn, wenn Elias im Raum ist.
Jonas braucht jemanden, der seine Wut aushält. Michaela braucht jemanden, der nicht eingeschüchtert wird. Und Elias braucht, fast widerwillig, zwei Menschen, die ihm etwas bedeuten — das ist seine größte Verletzlichkeit und seine größte Stärke.
Es ist ein fragiles, dysfunktionales, irgendwie unschlagbares Trio.
Ob es am Ende hält, was es verspricht — das beantwortet das Buch.
Im nächsten Post: Wie entsteht eigentlich eine Welt? Von Mailand bis Malta, von Berlin bis Dubai — und warum ein Blick auf Google Maps manchmal mehr hilft als drei Stunden Recherche.
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