Werkzeug oder Wortklon? Warum KI im Buchprozess kein Teufelswerk ist – aber das Schreiben uns (Autoren) überlassen bleiben sollte

Die Autorenwelt brennt, oder zumindest brodelt sie gewaltig. Geht man durch einschlägige Foren, Social-Media-Kanäle oder lauscht den Gesprächen auf Buchmessen, gibt es ein Thema, das die Gemüter spaltet wie kein zweites: Künstliche Intelligenz. Die Reaktionen reichen von panischer Verteufelung bis hin to blindem Enthusiasmus. „Da kommt ziemlich viel Scheiße auf uns zu“, raunen die einen. „Das ist die Zukunft des Schreibens“, jubeln die anderen.

Ich sehe das Ganze etwas pragmatischer – und vielleicht auch ein Stück weit kritischer aus der Perspektive eines Autors, der als Digitalisierungsmanager in der Automobilindustrie arbeitet. Wer beruflich täglich damit zu tun hat, wie KI-Systeme in jeglicher Form optimiert, gefüttert und skaliert werden, verliert schnell die romantische Illusion von der „denkenden Maschine“. Man weiß schlicht, wie Large Language Models (LLMs) unter der Haube ticken. Für mich ist KI weder der Untergang des Abendlandes noch der Heilsbringer. Es verhält sich mit ihr wie mit jedem anderen Hilfsmittel in der Menschheitsgeschichte: Sie ist im Grunde ein Werkzeug. Und am Ende entscheidet immer die Frage, wie man dieses Werkzeug nutzt (und wer).

In diesem Beitrag möchte ich mit euch ein wenig die Grauzonen ausleuchten. Wo ist der Einsatz von KI absolut legitim, hilfreich und meiner Meinung nach nicht einmal kennzeichnungspflichtig? Wo wird es kritisch? Und wie sieht die nackte wirtschaftliche Realität im Selfpublishing aus, die uns oft gar keine andere Wahl lässt, als neue Wege zu gehen?

1. Der unsichtbare Assistent: Legitime Use-Cases ohne Kennzeichnungspflicht

Es gibt Phasen im Entstehungsprozess eines Buches, die haben wenig mit reinem kreativen Schaffen, aber viel mit Organisation, Qualitätskontrolle und Faktenchecks zu tun Hier kann KI glänzen, ohne dass auch nur ein einziger Satz des eigentlichen Buches von einer Maschine generiert wird. Warum sollte man das kennzeichnen müssen? Es fragt ja auch niemand, ob ich Word, Scrivener  oder Google Docs zum Schreiben genutzt habe.

Das Manuskript als Chatpartner

Ein extrem spannender Anwendungsfall ist beispielsweise NotebookLM oder ein vergleichbares LLM, das man mit dem eigenen, fertigen Manuskript füttert. Nicht, um den Text umschreiben zu lassen, sondern um mit dem eigenen Buch zu chatten.

Jeder Autor kennt diese Momente der Unsicherheit mitten im Schreibfluss: „Wann wurde Jonas noch mal an der Schulter verletzt? In welchem Kapitel war das und auf welcher Seite?“ Oder die banale, aber essenzielle Detailfrage: „War es eigentlich die linke oder die rechte Schulter? Macht das, was ich hier gerade schreibe, überhaupt Sinn im Kontext von Kapitel 3?“ Anstatt stundenlang die Suchfunktion zu quälen oder hunderte Seiten querzulesen, spuckt die KI die Antwort in Sekundenschnelle aus. Das ist keine kreative Arbeitsverweigerung, das ist hocheffiziente Rückversicherung.

Der Spiegel für die eigenen Betriebsblindheiten

Wir alle haben unsere Ticks. Mein persönlicher Endgegner? Gerüche. Ich habe irgendwann – auch dank der schmerzlosen Analyse einer KI – festgestellt, dass ich eine enorme Fixierung auf synthetische Wahrnehmungen habe. Überall riecht es nach irgendwas. Das ist zwar atmosphärisch, aber irgendwann einfach zu viel des Guten. Meine Mutter hat mir das später prompt bestätigt, als sie das Buch zum ersten Mal probegelesen hat. Die KI hatte es nur eben schon Wochen vorher im gesamten Text isoliert – Spanndes Experiment – sorry, dass du hier den Tester spielen musstest, Mama! 😉 

Noch schlimmer war es mit einer Figur namens Michaela. Warum auch immer, aber Michaela hatte in meinem Kopf – und folglich im Entwurf – ständig „smaragdgrüne Augen“. Keine Ahnung, warum ich mich so auf dieses Ding eingeschossen hatte. Ich habe diese Formulierung inflationär benutzt. Ohne den algorithmischen Blick der KI hätte ich das Manuskript vermutlich genau so an die ersten Testleser (ebenfalls meine Mutter) geschickt. Die hätten sich wohl gedacht: „Hey, was ist eigentlich mit den grünen Augen los?“ KI hilft hier, Muster und nervige Wiederholungen über ein 400-Seiten-Werk hinweg herauszufiltern. Das ist Handwerk, keine Kunst. Und absolut unverwerflich.

2. Die rote Linie: Wo die Kreativität stirbt – und wo wir Gespenster sehen

Kritisch wird es für mich genau an dem Punkt, an dem die KI die Feder übernimmt. Damit meine ich das eins-zu-eins-Übernehmen von ganzen Sätzen, Absätzen oder gar kompletten Kapiteln. Wer den Text unreflektiert kopiert, verliert etwas Wesentliches: die eigene Stimme. Und das Publikum merkt das oft.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher gelesen – auch von bekannteren Autoren –, bei denen sich mir ein unheimlicher Verdacht aufdrängte. Da hat wohl jemand ein KI-Modell mit den eigenen alten Büchern gefüttert und gesagt: „Schreib mir bitte eine neue Geschichte exakt in der Tonalität meiner alten Bücher.“ Das Ergebnis? Es ließt sich oberflächlich wie der Autor, aber es fühlt sich irgendwie hohl an. Und dieses Gefühl erzeugt bei mir (zumindest aktuell) noch fast jeder KI-generierte Text.

Gleichzeitig müssen wir aber auch die Kirche im Dorf lassen und sollten nicht immer und überall sofort „KI!“ schreien. Manchmal trügt der Schein nämlich auch. Nur weil ein Plot nicht sonderlich außergewöhnlich oder eine Formulierung unabsichtlich etwas zu glatt geraten ist, steckt dahinter nicht gleich ein Algorithmus. Auch wir Menschen haben schlechte Tage, nutzen Klischees oder verfangen uns in faden Phrasen. Das passiert Autoren, Lektoren, Korrektoren und auch dir als Leser. Eine Hexenjagd, bei der jedes handwerkliche Tief sofort dem Bot in die Schuhe geschoben wird, hilft niemandem.

Aber wenn Autoren sich dann öffentlich hinstellen und lautstark tönen: „KI kommt mir nicht ins Haus und KI ist schlimm!“, während ihre neuesten Werke (im Gegensatz zu den etwas älteren) genau nach dieser sterilen, statistischen Durchschnittsprosa riechen – dann hinterlässt das eben doch einen faden Beigeschmack. Ich habe da so einen Verdacht: Gerade die, die am lautesten schimpfen, nutzen das Ganze insgeheim ganz gerne.

3. KI im Schreibprozess: Eine Gegenüberstellung

Um das Ganze visuell greifbar zu machen, hier eine strukturierte Übersicht, wo meiner Meinung die Chancen liegen und wo die Gefahren lauern:

EinsatzbereichSinnvolle Nutzung (Chancen)Missbrauch / Risiko (Gefahren)
Plotting & KonzeptionLogiklöcher aufdecken, Brainstorming für Wendepunkte, Perspektivwechsel testen.Strukturierte, formelhafte Einheitsbrei-Plots ohne echten Mut zu Brüchen.
Textarbeit & StilWiederholungen finden, Lieblingsphrasen eliminieren (z. B. die „smaragdgrünen Augen“).Verlust der eigenen Stimme durch das sterile Glattbügeln individueller Stilmittel.
Recherche & FaktencheckSchnelles Abfragen von Manuskript-Details („Welche Schulter war verletzt?“).Unkritischer Glaube an Fakten (Halluzinationen der KI bei externem Wissen).
TextgenerierungKeine. Höchstens als bewusster Impulsgeber oder für Experimente.Eins-zu-eins-Übernahme ganzer Passagen führt zu seelenloser Fließbandware.
ProjektmanagementErstellung von Klappentexten, Exposés oder Social-Media-Teasern basierend auf dem Text des Manuskripts (zur anschließenden Verfeinerung, oder als Ideengeber).Vollautomatisierte Massenproduktion, die den Buchmarkt überschwemmt.

4. Deep Dive: Die Psychologie hinter dem Text und dessen Wert

Warum reagieren wir eigentlich so emotional auf das Thema? Dahinter steckt eine tiefenpsychologische und philosophische Frage: Was ist uns ein Buch wert?

Wenn wir ein Buch lesen, gehen wir eine unsichtbare Intimgemeinschaft mit dem Autor ein. Wir blicken durch die Augen eines anderen menschlichen Bewusstseins. Ein Buch hat für uns einen Wert, weil wir die investierte Lebenszeit und die seelische Arbeit des Autors spüren.

Es macht psychologisch einen gigantischen Unterschied, ob ein Buch mit Hilfe KI geschrieben wurde (im Sinne einer technologischen Assistenz) oder von einer KI.

  • Ein mit Hilfe von KI geschriebenes Buch bleibt ein menschliches Kunstwerk. Der Autor nutzt Werkzeuge, um seine Vision schärfer, fehlerfreier und präziser zu transportieren. Oder es dem Lektor/der Lektorin im nächsten Schritt ein wenig leichter zu machen. Der kreative Funke, die Empathie und die finale Entscheidungskompetenz liegen beim Menschen.
  • Ein von der KI generiertes Buch hingegen simuliert Gefühle nur auf Basis von Wahrscheinlichkeiten. Es berechnet, welches Wort statistisch gesehen als nächstes folgen müsste, um Trauer zu erzeugen. Es fühlt sie nicht.

Aus literarischer und kulturkritischer Sicht verliert ein rein KI-generiertes Buch dadurch dramatisch an Wert. Es wird zur reinen Commodity, zur Massenware ohne Halbwertszeit. Wenn jeder per Knopfdruck ein 300-Seiten-Buch ausspucken kann, sinkt der Grenzwert dieses Produkts gegen null. Was im Überfluss ohne Aufwand existiert, verliert seine Bedeutung.

5. Die wirtschaftliche Realität: Jobkiller oder Marktbereinigung?

Lösen wir uns von der Philosophie und blicken wir auf die nackten Zahlen. Die Autorengemeinschaft sorgt sich – zu Recht – um Arbeitsplätze. Grafiker, Coverdesigner, Lektoren, Korrektoren spüren den Wind des Wandels bereits massiv. Auch Autoren müssen sich zunehmend damit auseinander setzen.

Das Selfpublishing-Dilemma

Gerade im Selfpublishing bewegen wir uns in einem (für mich überraschend) harten wirtschaftlichen Umfeld. Wer als unbekannter Autor ein Buch auf den Markt bringt, betreibt ein Experiment mit völlig ungewissem Ausgang. Ein professionelles, fundiertes Lektorat inklusive Korrektorat kostet heute ganz schnell 2.000 Euro oder mehr.

Rechnen wir das mal nüchtern hoch: Bei den aktuellen Tantiemen-Modellen im Selfpublishing muss man als No-Name-Autor verdammt viele Bücher verkaufen, um allein diese Vorabkosten innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder einzuspielen. Wer keine riesige Community auf TikTok oder Instagram hat und nicht Unmengen an Geld in kluge Werbung steckt, für den bleibt es ein extrem ehrgeiziges Pflaster. Und welcher neue Autor*in hat denn hier schon Lust, oder die freien Mittel, derart in Vorleistung zu gehen?

In dieser echten, harten Realität finde ich es absolut legitim, sich für ein erstes schnelles Lektorat oder eher Korrektorat der KI zu bedienen. Ich mache das bei meinem aktuellen Experiment ja genauso. Es ist eine reine wirtschaftliche Betrachtung. Bevor das Buch ungelesen auf der Festplatte verstaubt, weil das finanzielle Risiko zu hoch ist, ist die KI die Brücke zur Veröffentlichung und hilft mir zumindest, die gröbsten Schnitzer auszumerzen. Ein Profi könnte das mit Sicherheit besser und wäre weitaus effizienter, davon bin ich absolut überzeugt.

Wer verliert seinen Job – und wer bleibt?

Werden dadurch Leute ihren Job verlieren? Ja, absolut. Gerade im Bereich einfacher Cover-Designs oder bei Dienstleistern, die ein „schnelles, günstiges Lektorat“ anbieten, wird es eng. Ähnliches merkt man ja aktuell bereits bei Webdesignern*innen und -Programmier*innen. In den letzten Jahren sind Lektoren gefühlt an jeder Ecke aus dem Boden geschossen. Plattformen wie Fiverr sind voll von Billigangeboten, bei deren Qualität ich schon immer meine berechtigten Zweifel hatte. Diese Ebene des Marktes wird die KI gnadenlos wegrationalisieren. Vorher kommen aber noch ein paar schwarze Schafe um die Ecke und werden versuchen hieraus Profit zu schlagen. Damit meine ich: Preise eines normalen Lektorats zu nehmen, um anschließend den Großteil von einer KI machen zu lassen.

Wer wird überleben? Die echten Experten. Ein Top-Lektor, der vielleicht ein Germanistikstudium (oder ähnliches) hinter sich hat, der psychologische Tiefe in Figuren versteht, der Subtext analysieren kann und ein tiefes Gespür für literarische Nuancen besitzt, wird immer sein Geld wert sein. Diese Profis werden weiterhin gebucht werden – von großen Verlagsautoren sowieso, aber auch von etablierten Selfpublishern, die die wirtschaftliche Flughöhe haben, um Qualität einzukaufen. Es findet keine Vernichtung des Berufsstands statt, sondern eine massive Marktbereinigung bzw. Verschiebung. Und so oder so ähnlich wird das auch in anderen Branchen der Fall sein.

6. Die Scheinwelt der YouTube-Gurus

Abseits der echten Verlags- und Selfpublishing-Welt gibt es jedoch eine Entwicklung, die ich zutiefst fadenscheinig finde. Ihr kennt sie bestimmt: Diese selbst ernannten Gurus auf YouTube, die in ihren Videos lautstark verkünden, man könne mit KI-generierten Büchern im Selfpublishing über Nacht reich oder gar Millionär werden – vorausgesetzt natürlich, man bucht ihr teures „Coaching“.

Sein wir mal ehrlich: Das ist völliger Blödsinn. Wäre die „Formel“ so bahnbrechend, würde sie niemand preisgeben, sondern sie mit aller Macht schützen, um dadurch „Geld zu drucken“. Aber anscheinend ist es ja noch immer profitabler, es anderen Beizubringen (und dafür Geld zu nehmen). Zumindest auf dem vergleichsweise kleinen, deutschsprachigen Buchmarkt funktioniert dieses Copy-and-Paste-Modell hinten und vorne nicht. Wer glaubt, er könne per Knopfdruck seelenlose Texte generieren, diese ohne Sinn und Verstand auf Amazon hochladen und dann das große Geld zählen, ignoriert die Realität der Leser. Diese Gurus verdienen ihr Geld nicht mit Büchern, sondern mit den Hoffnungen derer, die auf ihre Coachings einsteigen.

Fazit: Offenheit statt Heuchelei

Mein Appell an die Community ist an dieser Stelle simpel: Hört auf zu verteufeln, aber hört auch auf zu pfuschen. Und vor allem: Geht offen damit um.

Ich mache aus meinem KI-Einsatz kein Geheimnis. Ich gehe damit sehr offen um und erzähle hier auf meinem Blog ganz transparent zum Buch, was ich mit KI mache und was eben nicht. Diese Offenheit sollte jeder haben. Es ist eine Frage der Transparenz und des Respekts gegenüber den Lesern. Nutzt die Technologie da, wo sie Sinn macht – als genialer Assistent, als Suchmaschine für euer eigenes Universum, als Filter für eure „smaragdgrünen Augen“. Schreibt wegen mir auch einzelne Zeilen damit um, wenn ihr den Knoten im Kopf nicht gelöst bekommt.

Aber lasst euch nicht die Arbeit des Erzählens abnehmen. Ein komplettes Buch von einer KI schreiben zu lassen, geht unweigerlich nach hinten los. Die Leser merken es. Vielleicht nicht im ersten Absatz, aber spätestens, wenn das Herz der Geschichte anfangen sollte zu schlagen und man nur das monotone Summen eines Servers hört.

In diesem Sinne: Bleibt kreativ, bleibt menschlich – und nutzt eure Werkzeuge klug.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert